Eine Vision interreligiösen Friedens

als Grund für weltweiten Frieden

Wie der Streit über ein kleines Grundstück die Welt in Aufruhr versetzt hat

und wie ein Weg zum Frieden aussehen kann

 

 

 

Während die Religionen vor unserer Zeit über geschlossene, abgegrenzte Gebiete verfügten und Konflikte zwischen ihnen sich nur an deren Grenzen abspielten, sind deren Grenzen heute überall. Daher haben wir diese Konflikte jetzt direkt vor unserer Haustür. Und es gibt keinen Weg, die Geschichte zurückzudrehen. Die Welt ist eins geworden, ob wir es mögen oder nicht. Und daher müssen wir uns vielleicht auf Vorstellungen und Gedanken einlassen, die uns sehr fern lagen, solange wir „unter uns“ waren.

 

 

Eine gewagte These

 

Beispielsweise: Was wäre, wenn der tiefste Grund des gegenwärtigen, jährlich hunderte Milliarden Dollar verschlingenden Konflikts zwischen islamischen Extremisten, die im Namen ihrer Religion Terror verbreiten, und der Zivil- und Militärmacht des Westens in einem verdeckten Streit um mythisch begründete, gegensätzliche Besitzansprüche an einem kleinen Grundstück in Jerusalem liegen würde?

Und wenn wir daher die Wahl hätten, uns weiterhin auf die militärische Bekämpfung der Folgen dieses Streits zu konzentrieren oder den Streit direkt anzusprechen, ihn zu schlichten  - und damit ein Friedensbild zu schaffen, das möglicherweise die Kraft hat, den gesamten Komplex des gegenwärtigen Konflikts zu lösen?

Selbstverständlich möchte ich mit dieser These nicht die Vielschichtigkeit der Problemlage leugnen; ich möchte den Blick nur auf ein bis jetzt kaum beachtetes, aber entscheidendes Element lenken, den mythisch-spirituellen Kern des Konflikts. Wie bedeutend dieser Kern ist, zeigen nicht zuletzt nach der Veröffentlichung von karikierten Bildern des Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung die Übergriffe auf dänische Botschaftsgebäude in einigen islamischen Staaten – so sehr diese auch von nichtreligiös-politischen Kräften manipuliert worden sein mögen.

 

 

 

 

Teil I: Analyse der Ursachen

 

 

          Tatsache ist, dass wir westlich konditionierten Menschen religiös motivierte Konflikte kaum begreifen können. Deshalb sind wir von derartigen Ausbrüchen immer völlig überrascht. Der Grund dafür liegt in unserer „aufgeklärten“ Sicht der Dinge, die gar nicht so aufgeklärt ist, wie wir gleich sehen werden.

 

 

Aufgeklärt kontra unaufgeklärt oder wie Aufklärung zur Ideologie wird

 

Vor unserer aufgeklärten Art zu denken waren Religionen über Jahrtausende hinweg oftmals Grund für Konflikte, für Verfolgungen Andersgläubiger und auch für Kriege. Um das auszuschließen, haben moderne Staatsformen Religion und Staat getrennt. Aus dem säkularen Handeln wurde jegliche religiöse Motivation ausgeschlossen; nur zivile Faktoren wurden in Betracht gezogen. Ergebnis sind die modernen, demokratischen Staaten.

In ähnlicher Weise hatte die religiöse Dogmatik dazu geführt, dem menschlichen Forscherdrang Denkverbote aufzuerlegen und ungebührliche Grenzen zu setzen. Deshalb wurden Glaube und Wissen getrennt und so die Grundlagen für die modernen Wissenschaften geschaffen.

Diese Prozesse der Rationalisierung des öffentlichen Lebens, die sich in Europa nach dem Mittelalter abspielten, wurden „Aufklärung“ genannt.

 

Vor diesem Hintergrund aber können Menschen, die sich heute für „aufgeklärt“ und „säkular“ halten, Religion oft nur als eine auszuscheidende Kraft sehen. Im Bestreben, ihr Denken rein zu halten, verlieren sie die spirituelle Dimension des Daseins aus den Augen, aus der die religiösen Traditionen und Institutionen ursprünglich unpervertiert hervorgegangen sind und immer noch hervorgehen.

So wird Aufklärung zur Ideologie. Es entsteht eine Blindheit für religiöse Daten und Symbole, wodurch auch die soziale Wirkmächtigkeit solcher Symbole außer Acht gelassen wird – wie im Fall der Bedeutung des Berges Moriah in Jerusalem für den Islam und für das Judentum.

Soll das Prädikat „aufgeklärt“ aber wieder das aussagen, was ursprünglich damit intendiert war, nämlich umfassende, rationale Wahrnehmung, dann ist es heute für die Aufgeklärten nötig, sich von ihrer säkularistisch beschränkten Ideologie zu befreien und die mit irdischen Gegebenheiten verknüpften geistigen Hintergründe der Religionen wieder uneingeschränkt in ihre Wahrnehmung einzubeziehen.

Dann erscheint das gegenwärtige weltpolitische Geschehen in einem ganz neuen Licht.

 

 

Wie das Potential der Religionen, Frieden zu schaffen, genutzt werden kann

 

Damit der grausame Terror gestoppt werden kann und die extrem teuren und zerstörerischen Abwehrmaßnahmen überflüssig werden, sollten wir – als Aufgeklärte, die die Religion als eine reale Kraft sehen können – die immer noch religiös blinden Aufgeklärten wie auch die Religiösen dafür gewinnen, einen neuen Blick auf sich selbst zu werfen sowie auf einander und auf die Orte kollidierender Interessen.

Insbesondere die Anhänger der abrahamitischen Religionen sollten dann eindringlich daran erinnert werden, dass sie, wenn sie in der Zeit nach der Aufklärung weiterhin ernst genommen werden wollen, das praktizieren müssen, was sie lehren: Brüderlichkeit unter den Menschen.

Wenn es nur einen Gott gibt und wenn dieser eine Gott mit den Menschen durch alle Zeiten hindurch kommuniziert, wie die abrahamitischen Religionen sagen, braucht es zumindest zwischen diesen Religionen Frieden.

Bis jetzt ist das nicht der Fall, im Gegenteil, zur Zeit drückt eine weltweite islamistische Bewegung mit Mitteln des Terrors aus, dass ihr Anspruch bis jetzt nicht ausreichend gehört worden ist. Wir müssen uns daher fragen: Was ist ihr Anspruch?

 

 

Weltweiter Terror als Folge eines interreligiösen Konflikts

 

Im Zentrum des Interesses der islamistischen Bewegung steht, zumindest ursprünglich, der israelisch-palästinensische Konflikt. Der iranische Präsident spricht, ohne auf den Grund des Problems einzugehen, ihre Schlussfolgerung unmissverständlich aus: Israel soll von der Landkarte verschwinden. Ähnliche Aussagen gibt es von radikalen palästinensischen und anderen islamistischen Gruppen. Warum? Weil Israel die Gefahr verkörpert, von der sich die Muslime bedroht fühlen. Sehen wir also dort hin:

Es scheint dort ausschließlich um Palästina zu gehen, doch im Zentrum des palästinensisch-israelischen Konflikts, auf den sich diese islamistischen Gruppen beziehen, steht etwas, über das nicht gesprochen wird. Erst bei sehr genauem Hinsehen stoßen wir auf den Streit um ein kleines Grundstück in der Mitte Jerusalems, den Berg Moriah, den Tempelberg oder Haram Ash-Sharif.

Dieser Platz hat einst die antiken Tempel der Juden beherbergt. Und obwohl viele der Juden, die heute in Israel oder sonst wo leben, das leugnen, ist der Traum von einem neuen Tempel im Judentum immer noch lebendig; und dieser Traum zeigt den neuen Tempel wieder genau an dem alten Platz. Aber der Platz befindet sich nicht mehr in jüdischem Besitz. Er beherbergt jetzt den drittheiligsten Ort des Islam mit dem Felsendom und der Al Aqsa Moschee.

Dieser Ort ist für den Islam von größter Bedeutung und unverzichtbar, weil es der Ort der Himmelfahrt des Propheten Mohammed ist auf seiner berühmten „Nachtreise“. Dort ist aus islamischer Sicht Mohammed mit allen Propheten von Abraham bis Jesus zusammengetroffen. Und damit krönt dieses Erlebnis seine Berufung zum Gesandten Gottes. Sollten sich die Muslime diesen Ort von den Juden nehmen lassen?

Im Augenblick macht ihnen den Felsendom niemand streitig, aber allein schon der jüdische Traum vom dritten Tempel ist für die Muslime eine Kampfansage, denn sie nehmen Träume ernst. Sie fühlen, wie der bis jetzt nicht direkt angesprochene Konflikt um die Eigentumsrechte an diesem Ort die Grundfesten ihrer Religion bedroht. Im islamischen Selbstverständnis ist Mohammed ja das Siegel der Propheten. Aus islamischer Sicht hat der Islam die Religionen des Judentums und des Christentums überholt und überflüssig gemacht. Dem Islam allein ist es im islamischen Selbstverständnis am Ende bestimmt als Religion zu überleben. Dass nun aber die im islamischen Selbstverständnis schon tot gesagte Religion der Juden nach so vielen Jahrhunderten im Land ihres Ursprungs wieder auflebt und den Muslimen gerade den Platz streitig macht, an dem Mohammed in ihren Augen als Siegel der Propheten bestätigt worden ist, können die Muslime daher unter keinen Umständen hinnehmen. Da behaupten sie lieber – gegen jede historische Evidenz, wie etwa die Fundamente des Allerheiligsten, die dort besichtigt werden können – dass es an dem Platz nie einen jüdischen Tempel gegeben hat.

 

Genauso wie die Juden durch die biblischen Erzählungen motiviert waren, in ihre biblische Heimat zurückzukehren, so werden die Muslime durch ihre traditionellen Erzählungen motiviert, den jüdischen Anspruch auf den prophezeiten Platz für den dritten Tempel zurückzuweisen.

 

Im säkularen Denken gelten diese Dinge als rein mythologisch und damit als irreal; daher kann dieser Konflikt außerhalb des Nahen Ostens gar nicht gesehen werden. Er wird ideologisch ausgeblendet. Und auch von denen, die den Konflikt sehen können, wird er zumeist ausgeblendet, weil er ihnen nämlich unlösbar erscheint. Das ist der Hintergrund der Tabuisierung des Streits um den Tempelberg / Haram Ash-Sharif.

Nur unter Einbeziehung der religiösen Selbstverständnisse wird die ganze Tiefe dieses Konflikts sichtbar. Da aber zeigt sich sein Ausgang als absolut entscheidend, denn in diesem Konflikt zu unterliegen, würde im Selbstbild der verlierenden Seite einen vernichtenden Schlag bedeuten.

 

 

Der Widerstand gegen Israel bis zu Hamas und Al Qaeda

 

Genau aus diesen Gründen hatte dieser Konflikt seine Wirkung schon lange bevor der Staat Israel existierte. Er schwelte bereits im Hintergrund, als die ersten zionistischen Siedler im 19. Jahrhundert dort erschienen. Ohne jemals erwähnt zu werden, hat es dieser Konflikt den arabischen Staaten unmöglich gemacht, den Teilungsplan der Vereinten Nationen für Palästina vom November 1947 anzunehmen; und keine Art von Maßnahmen zur Berücksichtigung der Interessen der palästinensischen Bevölkerung hätte den Plan akzeptabel machen können, weil es in erster Linie gar nicht um das Wohl dieser Bevölkerung ging, sondern um das Selbstverständnis der Muslime, das untrennbar verbunden ist mit dem Schicksal des Felsendoms, von dem aus der Prophet Mohammed in die Himmel entrückt wurde.

Das Bestreben, diese religiöse Identität zu wahren, war in meinen Augen der kaum bewusste Hintergrund, der die Araber zu dieser Zeit zu dem Glauben führte, die Israelis ins Meer treiben zu müssen und es war dadurch in der Folge ausschlaggebend für den gemeinsamen arabischen Feldzug gegen die Einrichtung des israelischen Teils der Teilung und für alle weiteren Angriffen und Gegenschlägen in dem Gebiet – einschließlich der Intifadas und des Wunsches des iranischen Präsidenten, Israel von der Landkarte zu tilgen.

 

Aber dieser Kern der Sache, der Konflikt um Haram Ash-Sharif, den Tempelberg, blieb immer im Hintergrund. Über ihn konnte nicht gesprochen werden. Für die aufgeklärten westlichen Staaten hatten religiöse Angelegenheiten aus der Politik herausgehalten zu werden; daher konnten sie diesen Aspekt des Konflikts nicht in Betracht ziehen. Die meisten Juden hatten säkulare Ansichten; der Tempel war für sie kein Gesprächsthema. Nach Jahrtausenden von Pogromen und nach der Erfahrung des Holocausts, wollten sie nur eines: ein sicheres Zuhause. Auch die religiösen Juden konnten nicht darüber sprechen, denn darüber zu sprechen, hätte möglicherweise sogar den Teilungsplan der Vereinten Nationen gefährdet, und in späteren Phasen hätte es die Juden als Aggressoren erscheinen lassen. Die Araber konnten nicht darüber sprechen, weil sie ihre Heiligtümer nicht aufs Spiel setzen wollten. So redeten alle nur über Grenzen und über Rechte der Bevölkerung, und von Zeit zu Zeit griffen sie zu den Waffen: die Araber, um die Juden daran zu hindern, sich eine sichere Heimstatt zu verschaffen und die Juden, um ihren Traum zu erreichen, das versprochene „Gelobte Land“.

Trotz der stets zunehmenden Gewalt, konnte keine Seite einen Sieg für sich beanspruchen. Israel wurde immer unausradierbarer. Islamische Staaten begannen den Staat Israel anzuerkennen, aber eine wachsende islamistische Bewegung fuhr fort Israel als ihren Hauptfeind zu betrachten.

Als klar wurde, dass der palästinensische Widerstand die Existenz Israels nicht in Frage stellen konnte und als gleichzeitig sichtbar wurde, dass die Armut in den islamischen Ländern stetig zunahm, entschied die derzeitige Speerspitze des Islamismus, Al Qaeda, gegen den Hauptförderer Israels vorzugehen und gegen die hervorragenden Symbole der säkularen, aufgeklärten, westlichen Welt, die World Trade Centers und das Pentagon. Auf diese Weise erhofften sie, Ehre für den Islam zu erkämpfen und gleichzeitig zum Sturz Israels beizutragen, indem sie seinen wichtigsten Freunden eine empfindliche Schlappe beibrachten.

 

Diese Art der Betrachtung mag den Eindruck erwecken, als ginge es gar nicht um Fragen der Gerechtigkeit, etwa einen selbständigen Palästinenserstaat, die Rückgabe besetzter Gebiete oder Entschädigungen. Doch, es geht um die Fragen der Gerechtigkeit, aber um sie nachhaltig lösen zu können, müssen zunächst die Grundfragen geklärt werden. Und darin spielt Religion die entscheidende Rolle – ginge es nämlich nicht um Haram Ash-Sharif, den Tempelberg, wäre Frieden in meinen Augen längst erreicht – samt dem dafür nötigen Ausgleich der Interessen.

 

 

Sharon hat den Kern des Problems offen gelegt

 

Tatsächlich ist das Gegenteil erreicht worden. Die zweite Intifada begann, als der damalige Oppositionspolitiker Ariel Sharon im Jahr 2000 den Tempelberg besuchte. Obwohl er von der islamischen Waqf-Behörde, der die islamischen Heiligtümer des Haram Ash-Sharif, des Tempelbergs, unterstehen, alle nötigen Erlaubnisse für diesen Besuch hatte, reagierten Gruppen von Muslimen auf die bekannt verheerende und letzten Endes auch selbstzerstörerische Weise.

Eine vergleichbare Reaktion hatte es bereits 1929 gegeben, als einige junge Juden mit der zionistischen Flagge zur Klagemauer gezogen waren.

Warum gibt es diese Reaktionen?

Weil die Muslime durch diese Gesten den jüdischen Anspruch auf Haram Ash-Sharif, den Tempelberg, bestätigt sehen und befürchten, dass Ihnen die Gedächtnisstätte an die Himmelfahrt des Propheten genommen werden soll – obwohl offiziell nie ein Anspruch darauf gestellt wurde und höchstwahrscheinlich auch nie gestellt werden wird, weil für die Juden der neue Tempel als eine Angelegenheit des Messias gilt.

Obwohl das Herz des Konflikts zwischen den beiden Religionen zu diesen Anlässen offen zutage getreten ist, wird dieses verwundete Herz weiterhin von beiden Seiten aus allen Gesprächen ausgeklammert – als ließe es sich dadurch heilen.

Die einzig intelligente Reaktion auf diese Situation erscheint mir daher die direkte Auseinandersetzung mit dem Kern des Konflikts, mit den gegensätzlichen Ansprüchen der beiden Religionen – und gleichzeitig mit den geistigen Strömungen, die diese Auseinandersetzung zu verhindern suchen.

 

 

Die vier religiösen Glaubensrichtungen des Nahostkonflikts

 

Soweit ich sehen kann, sind in den Konflikt zwischen Israel und Palästina vier religiöse Glaubensrichtungen verwickelt:

Die erste ist das Judentum, das die ursprünglichen Rechte auf den Tempelberg für sich beansprucht.

Die zweite ist das Christentum; es ist in den Konflikt nicht direkt involviert. Die palästinensischen Christen tendieren dazu, sich der Seite des Islam zuzuneigen, während die Christen in Israel oder außerhalb des Nahen Ostens oft eher die jüdische Seite unterstützen. Daher haben die Christen das Potential als eine vermittelnde Kraft zu agieren.

Die dritte Glaubensrichtung sind die Muslime, die Mehrheit der Palästinenser; sie verneinen den jüdischen Anspruch, ursprüngliche Rechte auf Haram Ash-Sharif zu haben, wie sie den Tempelberg nennen, und erheben ihrerseits ursprüngliche Ansprüche, die auf die Himmelfahrt des Propheten zurückgehen.

Die vierte Glaubensrichtung sind die Säkularen, die alle religiösen Ansprüche ausschließen, und eine pragmatische Lösung finden wollen. Aufgrund ihrer Ideologie leugnen sie die Signifikanz des Tempelbergs und glauben, sie könnten dadurch eine lebenspraktische Lösung erreichen.

Da alle Parteien Ansprüche der anderen Seiten leugnen und glauben, sie alleine hätten recht, können sie sich nicht auf eine Lösung einigen.

 

 

Aus der wertschätzenden Perspektive zeigt sich ein Bild des Friedens

 

Eine nachhaltige Lösung kann nicht aus gegenseitiger Ablehnung hervorgehen, sondern nur aus gegenseitiger Wertschätzung.

Ein wertschätzender Beobachter würde den Islam als eine Religion betrachten, die auf unübertreffliche Weise fähig ist, Menschen zu einer verlässlichen Beziehung zu ihrem Schöpfer und zu einem guten Leben zu führen.

Er würde das Judentum als die älteste, aber immer noch energisch lebendige „Religion von Gottes eigenem Volk“ erkennen, unübertrefflich auf ihre Weise.

Das Christentum würde er als einen unübertrefflichen Weg zu einer Beziehung zur schöpferischen Quelle wahrnehmen, zum „himmlischen Vater“.

Und ein wirklich aufgeklärter Säkularismus, würde sich ihm als jene wiederum unübertreffliche innere Einstellung zeigen, die es ermöglicht, den Geist von allen vorgefassten Ideen zu befreien, die Gesetze der Natur und der menschlichen Kommunikation zu erforschen und dadurch allgemein nachvollziehbare Lösungen zu finden.

 

Aus der wertschätzenden Perspektive bleibt der israelisch-palästinensische Konflikt nicht unlösbar. Diese Perspektive leugnet keinen der Ansprüche. Sie sieht den ursprünglichen Anspruch der Juden. Sie sieht die Verbundenheit der Christen mit dem Ort. Sie sieht den Anspruch, der sich aus der Überlieferung der Muslime ergibt. Und mit den Säkularen sieht sie, dass es letzten Endes um lebenspraktische Lösungen für alle Parteien geht.

 

Grundlage der Lösung ist die Heilung der Wurzel des Konflikts durch Klärung der interreligiösen Besitzansprüche. Diese Klärung kann ein Bild des Friedens schaffen, von dem aus sich alles Andere, etwa der Ausgleich für Schäden, die durch den Konflikt entstanden sind oder die Klärung des Verhältnisses von Staat und Religion gewissermaßen von selbst ergibt.

 

 

 

 

Teil II: Das Lösungsbild

 

 

Das sehr einfache interreligiöse Bild des Friedens

 

Die simultan gültigen, widersprüchlichen Besitzansprüche werden nicht durch ein Entweder-Oder gelöst, sondern durch ein Sowohl-als-Auch – wie es modernem Konfliktmanagement entspricht. Wenn ein nachhaltiger Friede erreicht werden soll, darf es keine Verlierer geben, alle müssen gewinnen.

Als zentrales und archetypisches Beispiel auch für alle weiteren Lösungen könnte daher gelten: Wenn der Platz des prophezeiten Tempels bereits belegt ist, kann der Tempel dennoch an der Stelle errichtet werden, aber eben einige Stockwerke darüber!

Möglicherweise werden Sie zunächst meinen, das sei allzu simpel. Einige der weltbesten Architekten, wie Daniel Libeskind, Frank O. Gehry, Tadao Ando oder Zaha Hadid fanden das nicht. Sie haben die Idee sehr positiv aufgenommen und mir damit gezeigt, dass das Projekt architektonisch verwirklichbar ist und zwar in einer ästhetisch ansprechenden Weise. Und umso eingehender ich das Bild betrachtete, umso logischer wurde es für mich. Zunehmend haben sich alle Details zu einem großen Ganzen gefügt:

Da ist zunächst der Felsendom. Gemäß jüdischer Legende ist der Fels, den er umschließt, der Berggipfel, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak festgebunden hat, weil Gott von ihm verlangt hatte, das zu opfern, was ihm das Liebste war. Obwohl die meisten Muslime heute glauben, dass der Sohn, der geopfert werden sollte, nicht Isaak war, sondern Ismael und dass der Ort des Opfers auch nicht der Berg Moriah, sondern ein Ort nahe Mekkas war, glauben sie doch, dass der Berg Moriah der Ort der geheimnisvollen Nachtreise des Propheten Mohammed war, wo er vom Erzengel Gabriel in die Himmel empor gehoben wurde, um dort alle Propheten zu treffen, die vor ihm gelebt hatten.

Auf diese Weise erhielt der Platz für die Muslime eine neue Bedeutung; und sie bauten ein Heiligtum um den Platz, den Felsendom. Und vielleicht hat darin auch die jüdische Legende von dem Platz ihre Bedeutung, denn der Prophet Mohammed nannte seine Religion „Islam“, weil er damit genau den Frieden beschreiben wollte, der aus der Geisteshaltung resultiert, die Abraham gezeigt hat in seiner Bereitschaft, seinen Sohn zu opfern. Für Mohammed war Abraham aus diesem Grund der Archetyp eines Muslims.

Abrahams Einstellung der Hingabe hatte zuvor bereits den Grund für die Religion des Judentums gelegt und die gleiche Geisteshaltung ist auch im Christentum zu finden – sogar noch verstärkt, da Jesus nicht nur das opferte, was ihm das Liebste war. Er opferte sich selbst, um seinen Schülern die Augen zu öffnen. Und deshalb wurde er nicht nur in den Himmel erhoben, sondern er wurde von den Toten auferweckt – gemäß den Zeugnissen derer, die durch sein Opfer sehen gelernt haben. Daher ist Abrahams Hingabe der gemeinsame Grund und die Basis für alle drei abrahamitischen Religionen.

Der Felsendom steht an dem Platz als ein Zeuge dieser Tatsache. Und warum sollten Juden und Christen nicht fähig sein, diese Tatsache zu würdigen?

 

 

Der jüdische Tempel und die Halacha

 

Ein neuer jüdischer Tempel andererseits ist nicht eine menschliche Angelegenheit. Es ist eine Angelegenheit des Messias, wenn er kommt. Aber für sein Kommen gelten einige Vorbedingungen: Zunächst muss Frieden sein. Aber wie kann Frieden sein – mit einem unlösbaren Konflikt, der immer neue Schrecken verbreitet?

Deshalb, auch wenn halachische Gesetze vorschreiben, dass der Tempel auf dem Boden errichtet werden muss – was den Konflikt erst schafft –, könnte es nicht sein, dass der Messias von seinem Volk verlangt, sich von allen vorgefassten Ideen zu befreien, wie das erste Gebot es ja bereits verlangt, bevor er ihnen genau das gibt, was prophezeit worden ist?

So lade ich die Menschen der Halacha zu einer gedanklichen Übung der Hingabe nach dem Vorbild Abrahams ein, zu einem Opfer ihres Liebsten, der Idee, dass sie bereits wissen, was sein wird – genau zu jenem Opfer, das jeder Sohn, jede Tochter von uns irgendwann brauchen wird, nämlich dass wir sein/ihr Leben loslassen. Daher bitte ich Sie, Ihrem Geist die Freiheit zu geben, eine offene Zukunft zu sehen. Erlauben Sie sich sogar, einen unvorhergesehenen Tempel zu sehen, einen Tempel der nicht auf dem Boden errichtet ist, sondern hoch darüber – auf einem künstlichen Berg.

In den alten Tagen brauchte es einen natürlichen Berg, wie den Berg Moriah, wenn hoch hinaus gebaut werden sollte. Mit der heutigen Architektur kann das überall geschehen. Es muss nur Sinn haben. Und das hat Sinn: Warum sollte der Tempel von Gottes auserwähltem Volk nicht in einer erhabenen Position stehen, so wie das Volk Gottes selbst sich durch die Tatsache seiner Erwählung bereits in einer erhabenen Position befindet?

Während der gesamten Geschichte hat Gottes erwähltes Volk Hervorragendes geleistet. Warum sollte daher der Neue Tempel, den der Messias bringen wird, nicht hervor ragen in einem buchstäblichen Sinn? Besonders wenn das den Konflikt löst, der dem Kommen des Messias im Wege steht? Denn sobald der Neue Tempel für sich nicht den am Boden bereits belegten Platz beansprucht, ist der Konflikt bereits gelöst.

 

Was die Muslime befürchten, ist der Verlust des Heiligtums, von dem aus der Prophet Mohammed zusammengetroffen ist mit allen anderen Propheten. Und worauf sie hoffen, ist, von Gottes eigenem Volk respektiert zu werden, als ein Volk in der Nachfolge Abrahams.

Frieden zu machen, würde verlangen, ihnen diesen Respekt zu gewähren, ihren Respekt vor Abraham zu respektieren und auch ihren Ausdruck dieses Respekts.

 

 

Die drei Ebenen des Friedensbilds

 

In diesem architektonischen Bild des Friedens gibt es drei Ebenen: den Boden, Haram Ash-Sharif, mit dem Felsendom und die Ebene mit dem neuen Tempel hoch über dem Boden, entsprechend der erhöhten Position von Gottes eigenem Volk.

Auf diese Weise ist bereits ein gemeinsames Heiligtum der abrahamitischen Religionen entstanden.

Nur das Christentum fehlt noch.

 

 

Der Platz des Christentums im gemeinsamen Heiligtum

 

Wie die Christen zeitlich als zweite kamen, zwischen Moses und Mohammed, werden sie sich auch zwischen Juden und Muslimen in das gemeinsame Heiligtum einfügen. Dieser Platz passt auf sie in mehrfacher Weise:

Über dem Felsendom hat Mohammeds Himmelfahrt eine vertikale Achse geschaffen. In derselben Linie liegt auch die vertikale Achse, die durch die Auferstehung Christi entsteht. Wegen dieser Achse ist Christus „die Achse der Welt“ genannt worden – etwas, das wir erst richtig verstehen, wenn wir verstehen, was in dem Bild „Christus“ bedeutet:

Jesus selbst hat sich vorzugsweise „Menschensohn“ genannt, der wahre Mensch. Daher ist die Achse, die er repräsentiert, die Achse des Menschseins, die Achse der Menschlichkeit. Sie dreht sich um die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Daher sollte es niemand überraschen, dass die Christen im Verlauf ihrer Geschichte vorwiegend für ihre humanitären Institutionen bekannt geworden sind – gerade wie die Juden dafür berühmt sind, dass sie hervorragende Leistungen zustande gebracht haben und die Muslime berühmt sind für ihre Bodenständigkeit. Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass diese Qualitäten exklusiv wären, aber sie sind in besonderem Maße charakteristisch für diese Religionen.

Indem sie die Position in der Mitte einnehmen, brauchen die Christen eine Plattform unterhalb des jüdischen Tempels, die von diesem abhängt, wie das Christentum vom Alten Testament abhängt. Und dadurch entsteht architektonisch ein Kreuz, das Kreuz, das zum Symbol der Hingabe in der christlichen Sicht des Lebens geworden ist.

 

Die Unterschiede zwischen den Religionen verstehen

 

Die Gesamtheit dieses Heiligtums zu betrachten, macht eines klar: Die drei unterschiedlichen Religionen können, obwohl sie Todfeinde waren, in Frieden zusammen leben. Ihre Unterschiede sind nicht Unterschiede von richtig und falsch, es sind Unterschiede unterschiedlicher Standpunkte und Aspekte. Alle drei werden vereint durch ihre Einstellung der Hingabe dem Schöpfer gegenüber. Aber der Verlauf ihrer Geschichte hat sie auf unterschiedliche Wege geführt – wodurch auch unterschiedliche Geschichten entstanden sind, die in manchen Punkten den Geschichten der anderen direkt widersprechen – wie unterschiedliche Standpunkte immer unterschiedliche Beschreibungen desselben Gegenstands hervorrufen.

Die Gesamtheit dieses Heiligtums zu betrachten, gibt der Kommunikation zwischen den Dreien eine neue Basis. Es erzeugt gegenseitiges Verstehen – und sogar ein besseres Verstehen des eigenen Standpunkts.

Die Gesamtheit dieses Heiligtums zu betrachten, macht in den Religionen sogar ein Verstehen der säkularen Sicht möglich und in der säkularen Sicht ein Verstehen der Religion.

 

Auf diese Weise werden die Vorbedingungen des Friedens erreicht und alle Hindernisse für das Kommen des Messias werden beseitigt.

Darüber hinaus stellt sich auf natürliche Weise gegenseitiger Respekt ein. Das wird alle weiteren Verhandlungen leicht machen.

In diesem Bild ist Frieden garantiert, weil alle Parteien gewinnen.

 

Auf beiden Seiten kann dadurch auch Schuld eingestanden werden. Beide werden daher gemeinsam die Schäden des Konflikts gut machen, so gut es geht, und die Welt wird dabei zu Hilfe kommen.

 

 

 

 

Teil III: Ausblick: Ein neues, von allen „Gelobtes Land“

 

 

Es wird auch keinen unüberbrückbaren Gegensatz mehr geben zwischen Religionen und säkularen Interessen. Wenn Religion in der aufgeklärten Sicht Platz hat, können die Religionen sogar einer Trennung von Religion und Staat zustimmen und sich unter die Oberhoheit einer den Menschenrechten verpflichteten demokratischen Staatsmacht begeben.

 

Dieser Staat kann die freie Religionsausübung seiner Bürger garantieren, soweit diese Religionsausübung nicht in die Rechte Andersgläubiger eingreift. Und unter staatlicher Supervision kann es darin auch Enklaven geben, in denen die Gesetze nur einer Religion ausschließlich gelten, sofern diese Enklaven auf strikt freiwilliger Basis und ohne jeden Zwang eingerichtet werden können und soweit darin die Menschenrechte geachtet werden.

Der Staat wird darüber hinaus dafür sorgen, dass alle wiederaufflammenden Anwandlungen von exklusivem Größenwahn in einer Gruppe gekühlt werden durch Übungen der Versöhnung. Und die gefundene Lösung wird in einer neuen Art der Verfassung niedergelegt werden, die zum Vorbild neuer Verfassungen in aller Welt werden wird.

 

Und damit wird die Lösung dieses interreligiösen Konflikts zum Ausgangspunkt für weltweiten Frieden.