Der Islam und
das „Auserwählte“ Volk
Gottfried Hutter, 11.12.2011
Bei der Entstehung des Islam könnte die Frage eine Rolle spielen, ob sich
das mit den Juden verwandte Volk der Araber durch die Idee der Auserwählung
ihres Bruder-Stammes zurückgesetzt fühlte. Die Mehrheit der Araber hätte dann
die Einsichten aus dem anderen Familienzweig nicht einfach übernehmen können.
Das würde erklären, warum das Christentum unter den Arabern kaum Fuß fassen
konnte – schließlich haben die Christen die gesamte Bibel der Juden unverändert
übernommen.
Jedenfalls wurde das Interesse des überwiegenden Teils der Araber für die
Offenbarung der Juden erst geweckt, als unter ihnen ein Prophet erwachte, Mohammed,
der in sich den Auftrag spürte, den ganzen Fundus der biblischen Weisheit aus
arabischer Perspektive neu zu formulieren. Die neue Offenbarung, die dem
Propheten vom Erzengel Gabriel übermittelt wurde, war nun eine arabische. Damit
waren die Araber den Juden nicht nur gleichgestellt, sondern ihnen gegenüber
sogar noch bevorzugt.
Damit stand den Arabern jetzt die ganze Essenz der biblischen Weisheit zur
Verfügung. Sie war ja jetzt eine ihnen gegebene Weisheit. Und als solche
konnten sie sie auch an andere weitergeben, wie es die Christen schon vor ihnen
getan hatten. Allerdings konnten die Araber nur die arabisierten, koranischen Versionen der biblischen Erzählungen als
korrekte Offenbarung anerkennen; die jüdisch zentrierten biblischen Versionen
mussten ihnen als teilweise „verfälscht“ erscheinen. Für die Christen war die
Situation ganz anders. Sie hatten keinerlei Veranlassung, die Wahrheit der
Bibel oder die Auserwähltheit der Juden in Frage zu stellen,
weil das Christentum in einer Umgebung groß geworden ist, in der
Stammesrivalität keine Rolle spielte.
Für die Araber war das nicht so. Der Konflikt zwischen Juden und Arabern könnte
damit von Anfang an zumindest zum Teil in einer Stammesrivalität wurzeln. Einen
Hinweis darauf gibt auch die biblische Geschichte von der Vertreibung des
Stammvaters der Araber, Ismael, und seiner Mutter Hagar, Genesis 21,10ff..
In Stammesrivalitäten geht es um die Fragen der Führung und des Tributs. Der
überlegene Stamm verlangt die klare Unterwerfung des Unterlegenen und er setzt diese
mit allen Mitteln durch, aber er lässt in dem Augenblick vom Kampf ab, in dem
der Unterlegene sich seiner Herrschaft untergeordnet hat.
Alle diese Merkmale zeigen sich in der Forderung der Scharia, dass die Angehörigen der „Buchreligionen“ die Überordnung
des Islam anerkennen. Unter dieser Bedingung konnten die Muslime Christen und
Juden gegenüber jahrhundertelang Toleranz zeigen.
Durch die Implantierung Israels in einen Teil des längst islamisch
gewordenen biblischen Territoriums aber wird diese Forderung der Scharia ignoriert. Doch die Forderung der
Überordnung des Islam ist in den Identitäten sehr vieler Muslime längst tief verwurzelt.
Das könnte sich auch im Nahostkonflikt spiegeln. Und dann könnte es sein, dass dieser
Effekt weit über Palästina hinausreicht, weil diese Forderung der Scharia heute auch in vielen anderen Ländern
des islamischen Raums ignoriert wird, was von vielen als ein Fortdauern der
Kolonisierung angesehen wird.
Wenn Sie auf diese Forderung der Unterordnung achten, werden Sie darin auch
die Wurzeln von Al Qaeda
erkennen. Schließlich versteht sich Al Qaeda als die radikale Speerspitze von Muslimen, die
sich in ihrer für sie selbstverständlichen Überlegenheit von solchen, die es
ablehnen, sich unterzuordnen, bedroht sehen.
In subtil-symbolischer Form könnte sich dieser Konflikt dann in dem
Besitzstreit um den Tempelberg in Jerusalem zeigen, der ja im Besitz der
Muslime ist, von den Juden aber als Platz ihres künftigen Tempels beansprucht
wird.
An diesem Punkt könnte sich der Rivalitätskampf sogar mit der Grundfrage
der Wahrheit der jeweiligen Offenbarung verknüpfen. Durchsetzung und Erfolg
gelten ja vielen seit je her als Beweis für die Wahrheit. Unter anderem auch
deshalb könnte es für Muslime sehr wichtig sein, zu betonen, dass ihre
Heiligtümer zu Recht auf diesen Platz stehen und über die Ansprüche der Juden
triumphieren.
Deshalb könnte der Konflikt um den Tempelberg sogar die Gefahr eines künftigen
Armageddon bergen. Die alte Rivalität könnte irgendwann global mit
kriegerischen Mitteln ausgefochten werden unter (unbeabsichtigter) Mitwirkung
sämtlicher Weltmächte – während es im Kern immer noch um die Klärung der Frage ginge,
ob die arabische Tradition, die durch Mohammed und den Koran symbolisiert wird,
der jüdischen Tradition überlegen ist.
Heute könnte es allerdings eine bisher nicht da gewesene Lösungsmöglichkeit
geben: Dadurch dass sich der Islam weit über das arabische Gebiet hinaus
verbreitet hat, hat diese Religion eine neue Qualität bekommen. Die alte
Stammesrivalität ist nicht mehr zwingend. Der Wahrheitsanspruch ist nicht mehr
notwendig mit der politischen Übermacht verknüpft. Eine gegenseitige
Anerkennung ist daher grundsätzlich möglich. Der arabische Frühling könnte
einen Weg in diese Richtung öffnen.
Auf jeden Fall wird aber die Frage nach dem rechtmäßigen Platz für den
dritten Tempel der Juden geklärt werden müssen, wenn es Frieden geben soll.
Und dafür könnte meine interreligiöse Friedensvision wegweisend sein.
– Mehr dazu finden Sie unter www.Tempel-Projekt.de.